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Donnerstag, 19. Juli 2018

Adler, Bären und Vulkane


Was hatten wir vor unserer Reise nicht alles über die Grenzkontrollen zwischen Kanada und den USA gehört. Von stundenlangen Wartezeiten über unfreundliche Beamte bis zu schikanösen Durchsuchungen des Fahrzeuges reichten die Gerüchte. Vier Mal hatten wir auf dieser Tour schon die Grenzen zwischen den beiden Ländern passiert, ein fünftes Mal dann von Kanada nach Alaska. Und wieder bestätigte sich kein einziges dieser Gerüchte.

Auf kanadischer Seite gab es überhaupt keine Kontrolle. Es folgte eine Fahrt durch 30 km Niemandsland. Auf der US-Seite begrüßte uns eine nette, ältere Dame in Uniform freundlich, fragte, ob wir Obst, Feuerholz, Drogen oder Waffen dabei hätten und drückte nach unserem „Nein“ den Stempel in die Pässe. Wieder dauerte es keine fünf Minuten, bis sämtliche Formalitäten erledigt und wir die Grenze zwischen Kanada und Alaska hinter uns gelassen hatten.

Also, wer eine ähnliche Reise plant, lasst Euch nicht verrückt machen von irgendwelchen Gerüchten oder dummem Gerede. Fahrt mit reinem Gewissen an die Grenze, seid ein bisschen freundlich (wie man in den Wald hineinruft...), und schon läuft der Laden.


In Tok, dem ersten Ort nach der Grenze, tankten wir für $3.499/Gallone, das entspricht ungefähr 0,80 €. Auch die Preise der Lebensmittel, speziell Alkohol, sind günstiger als in Kanada und entsprechen mit einigen Ausnahmen ungefähr dem Preisniveau in Deutschland.

In Tok verließen wir den Alaska Highway und rollten fortan auf dem Hwy AK2 oder auch Tok Cutoff gen Süden. Auch hier säumten die uns nun schon hinlänglich bekannten fast schwarzen und sehr schmalen Fichten die Straße. Manchmal standen sie in alle Richtungen schräg durcheinander. Das nennt man „drunken forest“ (betrunkener Wald). Die Fichten haben nur kurze Wurzeln, die nicht in den Permafrostboden eindringen können. Dadurch finden sie nur wenig Halt und kippen manchmal zur Seite, was manchmal schon eigenartig aussieht.

Drunken Forest - betrunkener Wald

In Glennallen trafen wir Helmut K., einen Berliner, der schon lange in Xanten lebt und seit 15 Jahren Kanada und Alaska bereist. Er gab uns einige gute Tipps für Tierbeobachtungen, zeigte uns, wo man kostenlos Gold waschen kann und riet uns, das Buch „The Milepost“ zu besorgen. Letzteres kauften wir dann auch gleich im dortigen Supermarkt. Es erscheint seit 40 Jahren jedes Jahr neu und stellt praktisch die Bibel für Alaska- und Nordwest-Kanada-Reisende dar. Sämtliche Highways sind darin Meile für Meile beschrieben. Auch Nebenstrecken werden genau erklärt. Wo kann man einkaufen, tanken, übernachten und und und... Auch die Kultur kommt darin nicht zu kurz. Zu fast jedem gibt es einen kurzen Überblick, der auch seine Geschichte mit einchließt. 35 Dollars, die sich aber wirklich lohnen.


Weiter ging unsere Tour vorbei an den Wrangell Mountains. Ihre schneebedeckten Gipfel ragten in den wolkenverhangenen Himmel. Zwischen ihnen zwängten sich mächtige Gletscher zu Tal. Seit Tagen setzte nachmittags heftiger Regen ein. Dann fällt die Temperatur schlagartig auf 7-8 Grad. Einmal lag sogar plötzlich Schnee auf der Straße. Schnee mitten im Juli! Aber wir sind eben in Alaska und nicht in Deutschland.

Wrangell Mountains


auf dem Glenn Highway nach Süden; vor uns der Lions Head


Gletscher


Anchorage nutzten wir lediglich, um bei Walmart unsere Vorräte zu einigermaßen erschwinglichen Preisen aufzufüllen. Dabei spürten wir, dass die Preise in Alaska doch um Einiges höher liegen, als in den anderen US-Staaten.

Wir fuhren weiter entlang des Nordufers des Turnagain Arms und waren damit wieder an einem Fjord des Pazifik angelangt. Am Beluga Point schaute eine Menschenmenge auf das Wasser des Fjords, das mit der Flut ziemlich schnell hereinströmte. Es dauerte eine Weile, bis uns klar wurde, dass alle Leute auf die Wale warteten. Wir gesellten uns für eine Weile dazu. Wale zeigten sich leider keine. Wir genossen dann die weitere Fahrt durch den von schneebedeckten Bergen eingerahmten Fjord.

am Turnagain Arm herrscht noch Ebbe...

Beluga Point am Turnagain Arm

An dessen Ende zweigten wir ab in Richtung Whittier und fanden wenige Kilometer weiter einen schönen Stellplatz an einem kleinen See unweit der Straße. Etwas später gesellten sich die gebürtigen Vogtländer und nun in Franken lebenden Jana und Jens hinzu. Sie sind schon seit zehn Monaten mit ihrem Nissan mit Tischer-Kabine unterwegs; erst in Australien, dann Papua-Neuguinea, dann USA und Kanada und nun eben Alaska (www.diepauls.wordpress.com). Wie bei Reisenden üblich gab es viel zu erzählen an diesem Abend.


Der Seward Highway führte uns ständig zwischen Bergen hindurch, dass man meinen konnte, wir befänden uns in irgendeinem Gebirge, doch wir bewegten uns nur in Höhen zwischen 300 und 100 Metern. Auch in diesen niedrigen Lagen sahen wir vereinzelt restliche Schneeinseln. Der Ort Seward liegt am Ende der Resurrection Bay, einer Bucht des Golf von Alaska. Die Stadt bzw. lebt wohl hauptsächlich vom Tourismus und gefiel uns ganz und gar nicht. Mag sein, dass dies auch am Dauerregen lag, der alles grau in grau erscheinen ließ. Auch für die nächsten drei Tage sollte es lt. Vorschau keine Wetterbesserung geben. Damit fiel die Bootsfahrt zu den Gletschern, Walen und Seelöwen, die wir dort buchen wollten, buchstäblich ins Wasser.

Ein paar Kilometer außerhalb der Stadt liefen wir im Regen zum Ende des Exit Glacier. Trotz des miserablen Wetters konnten wir wieder dieses faszinierende Hellblau des Gletschereises sehen. Auch hier war wieder sehr anschaulich dargestellt, wie schnell sich die Gletscherzunge durch den Klimawandel zurückzieht. Schilder mit den entsprechenden Jahreszahlen zeigten an, bis wohin der Gletscher im betreffenden Jahr reichte. Alleine in den letzten acht Jahren verlor er geschätzte 100 Meter an Länge. Was uns aber zu denken gab: Auch vor mehr als 100 Jahren ging der Gletscher schon recht schnell zurück. Setzte damals schon der Klimawandel ein? Wenn ja, was war damals die Ursache dafür? Autos gab es erst verschwindend wenige. Industrieabgase ja, Kohleheizung in Mitteleuropa ja, aber sollten die für einen Klimawandel verantwortlich sein? Ist die Veränderung des Klimas also doch eine natürliche Erscheinung (wie z.Bsp. die Eiszeiten), die lediglich durch den Menschen beschleunigt und verstärkt wird? Ich kenne die Antwort nicht. Es lohnt sich aber sicher, darüber nachzudenken...

Exit Glacier; bis zum Schild reichte er noch vor acht Jahren



unterstes Ende des Gletschers

Als wir vom kalten Regen durchweicht wieder am Auto anlangten, geschah ein kleines Wunder. Die Standheizung, die seit einiger Zeit beharrlich ihren Dienst verweigerte, sprang plötzlich wieder an. Genau in dem Moment, als wir sie wirklich dringend benötigten! Innerhalb weniger Minuten war es kuschelig warm in unserem Gecko und wir konnten unsere durchgefrorenen Glieder aufwärmen.

In der Hoffnung, dass das Wetter auf der Westseite der Kenai-Halbinsel besser ist, brachen wir auf in Richtung Homer. Auf dem Wege dahin folgten wir dem Tipp von Helmut K. und verließen westlich von Cooper Landing den Sterling Highway (Hwy AK1) und nahmen die geschotterte Skilak Lake Road. Dort befanden wir uns in einem ausgewiesenen Bärengebiet. Unsere Hoffnung war nicht vergeblich. An zwei aufeinander folgenden Tagen konnten wir die gleiche Schwarzbären-Mama mit ihren zwei Kindern beobachten, wie sie am Wegesrand quietschvergnügt eine Blume nach der anderen verspeisten. Das sind Momente, die du nie wieder vergisst. Die Bärenmama humpelte etwas. Vielleicht hatte sie einen Dorn (oder einen weggeworfenen Angelhaken?) im Fuß stecken? Hoffen wir, dass sie ihre Kleinen so lange betreuen kann, bis sie alleine in der Wildnis bestehen können.

kleine Wanderung am Skilak Lake; das Bärenspray ist immer dabei

Skilak Lake


Skilak Lake




ein Otter am Abend

Frühstücksgast

und noch ein Gast zum Frühstück

Das Glück sollte uns hold bleiben. Wir erreichten die Westküste der Halbinsel, und tatsächlich war hier das Wetter entschieden besser. Die Sonne lachte und wir waren happy, dass wir wieder mal die richtige Entscheidung getroffen hatten. Viele Ortsnamen hier wie z. Bsp. Soldotna, Nikiski, Kasilof oder Ninilchik muten russisch an. Tatsächlich gehörte Alaska bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu Russland. Aus dieser Zeit stammen diese Ortsnamen. In Ninilchik besuchten wir eine hübsche, kleine russisch-orthodoxe Holzkirche, deren kleine Zwiebeltürmchen in den blauen Himmel ragten.

russisch-orthodoxe Kirche in Ninilchik



Cook Inlet heißt der Meeresarm des Pazifik an der Westküste der Kenai Peninsula, bekannt und beliebt bei Anglern wegen der riesigen Heilbutte und in wenigen Tagen auch Lachse. Etwas nördlich von Anchor Point fanden wir einen herrlichen Platz direkt am steinigen Strand. Ein Sandstrand wäre hier nicht viel besser, denn in dem eisigen Wasser will eh niemand baden.

Stell dir vor, du sitzt am Frühstückstisch im Freien. Die Sonne wärmt dir den Rücken und dein Blick schweift hinaus auf das im Moment graublaue Meer. Drüben am anderen Ufer des Cook Inlet, in vielleicht 40 Kilometer Entfernung, leuchtet eine fast vollständig von Schnee bedeckte Bergkette, überragt von zwei Vulkankegeln. Über dir lacht eine Möwe und vor dir am Strand verspeisen ein paar Weißkopfseeadler einen großen Fisch. Die Wellen rauschen ans Ufer und du denkst einfach nichts mehr. Du genießt diesen unglaublich schönen Anblick, nimmst ihn, nein saugst ihn auf in dein Gedächtnis mit all deinen Sinnen und bist glücklich, so etwas erleben zu dürfen.

unser Platz (Whiskey Gulch) am Cook Inlet

uns genau gegenüber der Iliamna Volcano (3054 m)

Redoubt Volcano (3108 m)
Und nun noch einmal beide Vulkane beim Sonnenuntergang gegen 23 Uhr


Nach dieser Schwärmerei geht es etwas sachlicher weiter. Wir haben bis auf wenige Meter den westlichsten Punkt dieser Reise erreicht, nämlich bei W 151.82°. Die Hälfte unserer Reisezeit ist um. Knapp 14000 Kilometer liegen schon hinter und ungefähr die gleiche Distanz noch vor uns. Also scheint unsere Planung ganz gut aufzugehen.

Unsere nächsten Ziele sind der Denali Nationalpark, Dawson City und der Dempster Highway. Wie wir dorthin gelangen, ob wir vorher doch noch eine Bootsfahrt zu den Gletschern unternehmen und ob es weitere Begegnungen mit Bären (wir haben immer noch keinen Grizzly gesehen) und anderen Tieren gibt, all das lest Ihr im nächsten Bericht. Und noch mal der Hinweis: Bitte verliert nicht die Geduld, wenn der Bericht etwas länger auf sich warten lässt. Es ist wirklich schwierig, hier eine gut funktionierende Internetverbindung aufzutreiben. Also bleibt schön neugierig...

Und für alle, die bis hierher durchgehalten haben, gibt es jetzt noch ein Paar Bilder von Weißkopfseeadlern, die es uns ganz besonders angetan haben.





das große Fressen

der Jungadler (rechts, noch kein weißer Kopf) muss erst mal zuschauen

eine Möwe möchte auch ihren Anteil haben

Jung und Alt; erst mit 7 Jahren färbt sich der Kopf weiß





die Altvögel haben sich satt gefressen, nun darf das Jungtier ran
satt gefressen, also Abflug

...und tschüss

Donnerstag, 12. Juli 2018

Alsfeld nun auch im kanadischen Yukon vertreten

Vom malerischen Good Hope Lake bis zum berühmten Alaska-Highway waren es nur noch 100 Kilometer. Unser nächster Weg führte uns in den kleinen Ort Watson Lake. Dort ließen wir es uns nicht nehmen, im weltbekannten Schilderwald ein Nummernschild mit Alsfelder Kennzeichen an einem der vielen dafür vorgesehenen Pfosten anzubringen. Vielen Dank dem Spender, der uns das Schild zur Verfügung stellte. 1974 kam ein Reisender in Watson Lake auf die Idee, dort ein Schild seiner Heimatstadt mit der Entfernungsangabe aufzuhängen. Andere griffen die Idee auf. Inzwischen sind es fast 90000 Schilder aus aller Welt. Nun ist unsere Heimatstadt Alsfeld auch im fernen Kanada vertreten.


Schilderwald in Watson Lake

ein Schild unter fast 90000

Die nächsten Tage verbrachten wir auf dem Alaska Highway oder auch Highway 1. Heute präsentiert er sich größtenteils als gut befahrbares, breites Asphaltband mit nur ganz wenigen Schotterabschnitten. Gebaut wurde er allerdings schon 1942 während des 2. Weltkrieges, um der US-Army schnellen Zugang nach Alaska zu verschaffen, denn dort drohte ein Angriff durch die Japaner. Was damals 17000 US-Soldaten leisteten, ist heute kaum vorstellbar. Sie bauten die rund 2450 km lange Straße, damals allerdings noch nicht asphaltiert, in weniger als neun Monaten, und das unter unsagbar schwierigen Bedingungen. Sümpfe, Berge, Flüsse mussten überwunden werden.Und nicht zu vergessen die Moskitos, die auch uns immer mal wieder heimsuchen. Unglaublich!

Damals war die Fahrt sicher noch recht holprig, heute hingegen kann man sie regelrecht genießen. Wälder, Seen und Berge zogen an uns vorüber und boten immer wieder herrliche Ausblicke. Ab und zu stand mal ein Bär am Straßenrand. Einmal kam uns ein Kojote entgegen.


nach einem Buschfeuer erneuert sich der Wald

Begegnungen am Straßenrand
Kojote

Schwarzbär

Wir erreichten Whitehorse, das wir uns gerne angesehen hätten, doch es regnete zwei Tage lang fast ununterbrochen, so dass uns die Lust auf einen Stadtbummel verging. Die Zeit ohne Regen nutzten wir, um ein Wildgehege (Wildlife Preserve) nördlich der Stadt zu besuchen. Dort kann man außer Bären und Wölfen heimische Tiere in ihrer natürlichen Umgebung sehen. Da die Gehege sehr groß sind, kann es passieren, dass man nicht viel von den Tieren sieht, da sie sich zurückgezogen haben. Trotzdem gefiel uns dieser kleine Ausflug sehr gut.

Maultier-Hirsche



Erdhörnchen

Polarfuchs

Bergziege


Wald-Bison


arktischer Luchs

Weiter ging es gen Westen bzw. Nordwesten. Wir fanden immer wieder wunderschöne Stellplätze mitten in der Natur, wo wir am liebsten länger stehengeblieben wären. Aber wir wollen ja schließlich noch bis ans Polarmeer. Das Wetter besserte sich wieder, und wenn dann die Sonne mal scheint, wird es sofort auch richtig warm. So warm, dass wir uns manchmal sogar in den Schatten verzogen.


hier lässt es sich aushalten...
...

...und hier natürlich auch
Mitternacht

Wieder war es, als führen wir durch einen Park. An den Straßenrändern und den angrenzenden Hängen prangten lila Blütenteppiche. An anderen Stellen leuchteten gelbe Blumen. Und was uns immer wieder verblüffte: Selbst hier im hohen Norden Kanadas blühen unendlich viele Wildrosen. Wenn es Duft-Fotos gäbe, könntet Ihr jetzt diesen intensiven und sehr wohlriechenden Duft genießen.


Wildrosen
Blumenteppiche

überall sprießt es


Die Grenze zu Alaska liegt vor uns. Ob wir sie problemlos passieren konnten und ob wir endlich mal einen Elch vor die Linse bekommen, erfahrt Ihr, wenn es uns wieder mal gelingt, einen Bericht in den Blog hochzuladen. Die Gelegenheiten dafür werden immer seltener, aber wir geben uns Mühe! Bis dann... :-)

auf dem Alaska Highway