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Montag, 17. August 2015

Von Khorog über Kulyab nach Dushanbe (Südroute)

13. August 2015

Das Frühstück im Serena Inn war heute noch besser als gestern. Na ja, 10 US-$ pro Person sind auch nicht gerade wenig. Aber endlich mal etwas anderes als Müsli oder Weißbrot mit Marmelade, das haben wir uns eben mal gegönnt.

Dieses gute Frühstück haben wir auch gebraucht, denn es wurde ein verdammt harter Tag.

das Serena Inn in Khorog

Die Straße folgte weiterhin dem Lauf des Flusses, der nach wie vor seine graubraunen Fluten donnernd talwärts wälzte. Wobei Straße nicht mehr die richtige Bezeichnung ist. Auch Feldweg wäre noch geschmeichelt. Die Straße wurde irgendwann zu Sowjetzeiten gebaut, später vielleicht mal geflickt und nun offensichtlich völlig aufgegeben. Vom ehemals vorhandenen Asphalt sind nur noch Bruchstücke erhalten geblieben. Tiefe Löcher, Rinnen, Auswaschungen, spitze Steine, runde Steine, sandige Passagen, alles wird aufgeboten, um das Fahren zur Qual zu machen. Dabei muss man aber noch bedenken, dass diese Piste oftmals nur so breit ist, dass gerade mal ein LKW darauf passt. Auf der einen Seite ragt die zerklüftete Felswand steil auf, auf der anderen Seite tobt der Fluss vielleicht 100 oder 200 Meter fast senkrecht unter dir. Du darfst dir einfach keine Unaufmerksamkeit leisten, denn dies wäre auf jeden Fall das Ende deiner Reise...!!!

In sieben Stunden legten wir heute gerade mal 170 km zurück, im Schnitt also nicht mal 25 km pro Stunde. Diese „Fahrerei“ strengt unheimlich an. Ständig versuchst du, eine Linie zu finden, auf der das Auto am wenigsten leidet, doch meistens gibt es diese Linie einfach nicht. Dann musst du eben durch die tiefen Löcher durchfahren. Der Gecko ächzt und stöhnt in allen Fugen, aber er hält tapfer durch. Bei jedem Stoß, der ihm durch das nächste Schlagloch oder einen großen Stein versetzt wird, leiden wir Insassen schon körperlich mit. Und das im wahrsten Sinn des Wortes, denn unsere Rücken und Nacken schmerzen inzwischen schon heftig.


hier ist die "Straße" ordentlich breit und kein Abgrund gähnt daneben

Beizeiten hielten wir schon Ausschau nach einer Übernachtungsmöglichkeit, wohl wissend, dass das in diesem engen Tal schwierig werden würde. Mit geübtem Auge entdeckten wir dann glücklicherweise doch noch einen geeigneten Platz. Eine ehemals asphaltierte Fläche nur 100 m neben der Strße direkt am Fuße der Berge diente uns als Stellplatz. Irgendwann hat hier irgendjemand (vermutlich die Russen, als Tadschikistan noch zur Sowjetunion gehörte) mal Fußball gespielt, denn zwei alte, wackelige Tore standen noch. Weit unterhalb der Straße rauschte der Fluss.

Auf der gegenüberliegenden Seite ragten die Berge steil in die Höhe. Unglaublich, in welcher Höhe und bei welcher Schräglage die afghanischen Bergbauern dort oben ihre Felder angelegt haben. Ich wüsste gern, was sie da oben anbauen.


ein Bergrutsch verschüttete ein halbes Dorf


so ähnlich sah es früher auf unseren Getreidefeldern auch aus

Durch die hohen Berge geht die Sonne relativ zeitig unter. Danach sehen wir, in welcher Höhe auf den Bergen Lichter leuchten. Da stehen Hütten und Häuser, die wir am Tage gar nicht bemerkt haben.

Anfängliche Bedenken, weil wir uns ja unmittelbar an der afghanischen Grenze befanden, schoben wir schnell wieder beiseite. Und wir bewunderten wieder den fantastischen Sternhimmel, den die helle Milchstraße in zwei Hälften teilte.





links Afghanistan, rechts Tadschikistan

die Berge gehören schon zu Afghanistan; weit oben sieht man Felder
afghanisches Bergdorf

afghanische Bauern trennen die Spreu vom Weizen (ob es wirklich Weizen war, weiß ich natürlich nicht)


14. August 2015

Erfrischt und gestärkt brachen wir nach einer sehr ruhigen und störungsfreien Nacht auf. Wir fragten uns zum wiederholten Male, was an dieser Grenze so gefährlich sein soll. Auf der afghanischen Seite sahen wir bisher nur ganz wenige Leute, meistens Bauern, die ihrer Arbeit nachgingen. Lediglich zwei Panzer auf tadschikischer Seite, deren Geschützrohre nach Afghanistan zeigten, machten uns etwas nachdenklich.

Was wir nicht für möglich gehalten hätten, trat heute ein: die „Straße“ wurde noch schlechter.Für die ersten 51 km bis Khaleikum benötigten wir knapp drei Stunden, was einem Schnitt von ca. 18 km/h entsprach.


Den negativen Höhepunkt dieses Abschnitts stellte allerdings einer der häufigen Kontrollposten dar. Ich stand an einem Tisch im Freien vor unserem Auto. Ein Offizier nahm unsere Pässe in Augenschein. Währenddessen ging ein Soldat mit vor der Brust hängender Maschinenpistole nach hinten und ließ Jutta die Hecktüren öffnen. Ich wunderte mich, dass Jutta ständig so komisch kicherte. Als ich mit den Pässen zurückging, sah ich gerade noch, wie der Grenzer Jutta begrapschte, aber sofort damit aufhörte, als er mich bemerkte. Ich dachte, ich wäre im falschen Film. Jutta meinte später, sie musste gute Miene zum bösen Spiel machen.Schließlich entdeckte der Grapscher eine halbe Flasche Wodka in unserem Auto. Die wollte er haben. Auf einen Wink seines Vorgesetzten hin änderte er seine Meinung und wollte nur noch eine Flasche Wasser haben. Wir haben schon so viele Reisen unternommen und schon viel erlebt, doch so etwas ist uns noch nicht passiert. Aber es hätte ja auch noch viel schlimmer ausgehen können.

In Khaleikum, einem hübschen, kleinen Städtchen, mussten wir uns entscheiden, ob wir weiter dem Pamir Highway M41 bis Dushanbe folgen oder lieber die 100 km längere Südroute über Kulyab fahren würden. Nachdem ich nochmal im Internet nach Infos gesucht hatte und dort regelréchte Horrorbilder von der Nordroute zu finden waren, stand unsere Entscheidung fest. Wir haben schon in genügend Abgründe geschaut und den Gecko genügend gequält. So dass wir uns für die Südroute entschieden. Und das war goldrichtig. Schon kurz nach Khaleikum eine superglatte, perfekt ausgebaute Asphaltstraße, wie wir sie hier in Zentralasien noch nicht gesehen haben. Was für ein Genuss, auf ihr förmlich dahin zu schweben... Warum man allerdings auf dieser perfekten, breiten Straße maximal 50 km/h und in Ortschaften gar nur 30 km/h fahren durfte, blieb uns völlig unklar.

in Khaleikum

Moschee in luftiger Höhe bei Khaleikum

Wie schwierig es ist, solch eine Gebirgsstraße in Ordnung zu halten, sahen wir an einer Stelle, an der die Straße durch einen gewaltigen Bergrutsch völlig verschüttet war und die Autos über den Schuttberg fahren mussten.


ein Erdrutsch versperrt die Straße

Nach rund 80 km endete der Fahrspaß leider schon wieder. Auf breiter Schotterpiste ging es nun weiter über einige Serpentinen weit hinauf in die Berge. Auf einer im Dienst liegenden Hochebene fuhren wir weiter bis Kulyab. Da es schon dämmerte und wir immer noch keinen Stellplatz gefunden hatten, gönnten wir uns eine Nacht im Hotel. 150 Somoni, also ca. 23 Euro ohne Frühstück, aber mit Dusche und Klimaanlage. Wir mögen Klimaanlagen nicht wirklich, aber bei dieser Hitze war es doch ganz angenehm.

Im Restaurant aßen wir jeder einen Chicken-Schaschlik (was es alles gibt!), der hauptsächlich aus Knochen bestand. Also gab es zusätzlich noch ein gebratenes Hühnerbein. Die Strafe: flotter Otto am nächsten Tag. Im Zimmer schauten wir dann im Fernsehen ZDF, den einzigen empfangbaren deutschen Sender und merkten sehr schnell, wie sinn- und hirnlos Fernsehen eigentlich ist.

Hotel in Kulyab
auf dem Basar




fast jeder Standinhaber wollte fotografiert werden

15. August 2015

Schon am Morgen glühte die Sonne wieder (9 Uhr: 32 Grad).

Auf guter Asphaltstraße, die die Chinesen gebaut haben sollen (wie fast überall auf der Welt) rollten wir u. A. Auch durch zwei Tunnel bis ca. 40 km vor Dushanbe. Kurz vor Vahdat bogen wir links ab und fanden sehr schon gegen 14 Uhr ein hübsches Plätzchen in einer aufgegebenen Aprikosenplantage. Leider hingen keine Früchte mehr an den Bäumen.

Es dauerte nicht lange, bis drei Hirtenjungen mit ihrer Ziegen- und Schafherde zu uns kamen und um Wasser baten, was sie natürlich bekamen. Ein richtiges Gespräch kam mangels Sprachkenntnissen auf beiden Seiten nicht zustande, aber trotzdem war es eine nette Begegnung.

Die fast undurchdringliche Dunstglocke über Dushanbe lieferte einen ganz eigenartigen Sonnenuntergang ganz in Orangetönen. Mit Verschwinden der Sonne sank endlich auch die Temperatur auf ein erträgliches Maß.
der Nurek-Stausee; seine Staumauer ist mit 300 m die zweithöchste der Welt


16. August 2015

Schon gegen 6 Uhr schlich der erste Hirtenjunge samt Herde ums Auto. Aber auch die Sonne trieb uns unbarmherzig aus dem Schlafsack. Dieser etwa 13-jährige Junge benahm sich eigenartigerweise wie ein Mongole. Er sprach kein Wort, stand dicht bei uns und beobachtete alles, was wir taten, ganz genau. Ein paar Schluck Wasser nahm er an, mehr nicht. Über einen Kuli und unsere Visitenkarte freute er sich aber offensichtlich sehr, bedankte sich aber nicht. Als wir losfuhren, formte er mit seinem Zeigefinger und Daumen einen Kreis und blies mehrmals lächelnd hindurch. Wer weiß, was diese Geste bedeuten mag.

Wir fuhren hinein nach Dushanbe, die Hauptstadt Tadschikistans. Auch hier wird gehupt, was das Zeug hält, aber das Chaos ist längst nicht so schlimm wie in Bishkek oder Ulan Bator. Auch die Stadt selbst macht einen viel gefälligeren Eindruck. Vielleicht liegt es an den vielen grünen Bäumen. Richtige Alleen mit großen, alten Bäumen ziehen sich kreuz und quer durch die Stadt. Und es liegt, wie schon im ganzen Land, kaum Müll herum, ein wirklich wohltuender Unterschied zu den bisher auf dieser Reise von uns besuchten Ländern!

Wir finden das Serena Inn Hotel recht schnell. Dort soll man kostenlos auf dem Parkplatz stehen können. Die nette englisch sprechende junge Dame an der Rezeption zeigt uns den Parkplatz und erklärt dann, dass wir ihn zwar nutzen können, aber nicht kostenlos. Wieviel es kostet, müsste sie erst beim Management erfragen, doch die Herrschaften seien erst ab 12 Uhr erreichbar, da Sonntag ist.

Noch während wir auf der Straße im Auto saßen und beratschlagten, sprach uns ein Schwabe an, der seit sechs Jahren hier lebt. Er gab uns den Tipp nach Romit zu fahren, da gäbe es schöne Stellplätze.

Gesagt, getan. Fast 50 km fuhren wir.Es ging wieder hinauf bis auf 1200 m Höhe, immer entlang eines kleinen, aber nicht minder wilden Bergflusses, der herrlich klares, hellblau leuchtendes Wasser führte.

Es kam dann so, wie wir es schon befürchtet hatten. Wir hätten uns direkt neben der Straße hinstellen können, die hier auch nicht mehr diese Bezeichnung verdiente. Also aktivierten wir wieder mal Plan B und fuhren zurück zu unserem gestrigen Stellplatz in der ehemaligen Obstplantage.

Stellplatz in der ehemaligen Obstplantage 


17. August 2015

Wieder lag eine total ruhige und entspannte Nacht hinter uns. Aber diese erbarmungslose Hitze schon am frühen Morgen!

Heute fiel uns ein, dass wir von zwei deutschen Trucker-Pärchen, die wir vorgestern getroffen hatten, den Tipp bekommen hatten, dass man in Dushanbe im Park Pobjedy (Siegespark) gut übernachten könnte. Das wollten wir uns ansehen und evtl. auch nutzen, denn wir können erst morgen nach Usbekistan einreisen.

Doch vorher brauchten wir Geld aus dem Automaten und Diesel für unseren Gecko. Nach dem vierten nicht funktionierenden Bankomat tauschte ich 50 $ bar in einer Bank und bekam dafür 326 Somoni. Geht doch...

Nach dem Tanken fuhren wir hinauf zum Siegespark, der oberhalb der Stadt auf einem Berg liegt. Weit kamen wir allerdings nicht. Eine Schranke versperrte den Weg. Wir parkten das Auto auf dem Parkplatz der Bergstation einer Seilbahn, die schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb ist.

Blick auf Dushanbe
der mit 165 m angeblich höchste Fahnenmast der Welt

Nach einem kleinen Rundgang mit Ausblick auf die im Dunst versunkene Stadt sprach uns ein älterer Security-Mann an. Vor einigen Tagen wären schon zwei Trucks aus Deutschland hier gewesen. Wir dürfen auch hier bleiben und auch hier übernachten. Das passt ja wunderbar. Dann öffnete er uns sogar die Schranke und erlaubte uns, auf den Berg hinaufzufahren. Dort befindet sich eine große Gedenkstätte für die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges. In großen Lettern prangt eine Inschrift an der Wand: „Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen“ (ich hoffe, meine Übersetzung ist korrekt). Und wir werden wieder sehr nachdenklich. Der Security-Mann hätte uns ja auch rausschmeißen können, auch wenn wir nichts mit diesem verdammten Krieg zu tun haben. Und wieder geisterte mir diese unvorstellbare Zahl von 27 Millionen Toten auf Seiten der damaligen Sowjetunion durch den Kopf.

"Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen"


Wir fuhren wieder hinunter zum Parkplatz an der Seilbahn und fanden ein hübsches Restaurant. Endlich lagen wir auch mal auf so einem riesigen Bettgestell mit Tisch in der Mitte. So oft hatten wir sie schon hier gesehen. Das kühle Bier schmeckte hervorragend bei dieser extremen Hitze. Bis dann der junge Mann von der Theke kam und 20 Somoni für die Nutzung dieses Pavillons kassierte. Auch hier weiß man, wie Geld verdient wird...


so lässt es sich aushalten...

Am heutigen Abend findet hier im Restaurant irgendeine Feier mit betuchten Leuten statt, die sich in ihren fetten Autos vom eigenen Chauffeur herkutschieren ließen. Ich schreibe wieder mal am Blog, während draußen die Musik dröhnt. Die Security-Leute haben uns klar gemacht, wo sie sind und dass sie jederzeit für uns da sind, falls es Probleme geben sollte. Besoffene Russen sind unangenehm, mal sehen, wie es mit Tadschiken wird.

Morgen gehen wir über die Grenze nach Usbekistan. Davor ist uns ein bisschen bange, weil wir von diesem Grenzübergang bisher nur Negatives gehört bzw. gelesen haben. Wir lassen uns überraschen.

Also, bleibt gespannt. Wir werden berichten, wie es uns dabei erging. Bis bald...




Satellitenschüsseln ohne Ende

Putzbrigade (nur Frauen) bei der Arbeit

solche Plakate sieht man überall im Land
Feldarbeit 2015